Klassische Reitkunst -
was, wie, wieso
Eine Analyse der Themenauswahl unserer wichtigsten Fachzeitschriften, zeigt rasch einen deutlichen und stetig wachsenden Trend zum humanen Umgang mit dem Pferd, und zum streßfreien und reflektierten Reiten. Weite Teile des reitinteressierten Publikums, speziell unter erwachsenen und nicht turnierorientierten Reitern, messen dem Wohlergehen der Pferde, auf denen sie ihre Freizeit verbringenden, steigende Bedeutung zu. Fragen einer verhaltensgerechten Haltung, des psychischen Wohlergehens, gut passender Sättel, einer humanen Erziehung der Pferde, einer Reitweise, welche dem Pferd keine Schmerzen und Schäden zufügt, kehren regelmäßig in der Fachpresse wieder.[1]
Angefacht durch diese Problematik, nimmt der generelle ´Wissensdrang` der Reiter, und ihre Erwartungen an das Zusammenspiel mit dem Pferd, zu. Man erwartet von einem Ausbilder heutzutage gerne mehr als nur unbegründete Anweisungen, und von seinem Pferd mehr als mechanischen Gehorsam. Man will den Hintergrund dessen wissen, was man tut und warum, man will das Pferd verstehen und sich von ihm verstanden fühlen.[2] Man will sein Reiten als eine bewußte und für beide Teile positive Partnerschaft erleben. Man erhofft sich von dem Ausbilder, dem man sein Pferd anvertraut, daß er das Pferd sowohl effektiv als auch gewaltfrei zu echter Zusammenarbeit motiviert, nicht nur ´dressiert`. Man denkt nach und beginnt sich zu wundern, ja auch gewisse Praktiken einiger Profis in Zweifel zu ziehen.[3]
Dieses befremdet mich, daß bisweilen einer, der ein junges Pferd dressieren will, solches gleich anfänglich straft, ehe er es unterwiesen hat, was es tun soll; besser mit Gelindigkeit und Geduld die Zeit erwartet bis es dahin gebracht, daß es ein Vertrauen zum Reiter bekommt, und sich nicht mehr vor ihm fürchtet; alsdann kann man es mehr angreifen.[4]
So schrieb Wolfgang Ernst von Berga 1759 in seiner Ganz neuen durch lange Erfahrung mit vielem Nutzen approbirten Reit=Kunst. Mit modernisierter Orthographie, könnte dieser Satz ohne weiteres in einem Leserbrief einer heutigen Pferdezeitschrift stehen. Nicht verwunderlich deshalb, daß Hinweise auf die Klassiker der Reitliteratur in der Fachpresse zunehmen.
Unter "Klassischer Reitkunst" verstehe wir hier jene Tradition der Europäischen Reiterei, welche ihre historischen Wurzeln in Europas ´Klassischem` Zeitalter hat (ca. 17. und 18. Jahrhundert); und geprägt von dessen ´Entdeckung` der Rationalität als Leitprinzip (anstelle von unreflektierter Gewohnheit oder blindem Glauben), davon ausgeht, daß nur wissenschaftliche Kenntnis der Natur des Pferdes erfolgreichen Umgang mit ihm verspricht; und, da das Pferd ein hochsensibles Fluchttier ist, welches unter Druck sehr leicht psychisch und physisch ´blockiert`, davon ausgeht, daß nur eine gewaltfreie, psychologische Annäherung an das Pferd unter Respekt für seine natürlichen Bedürfnisse, sein Verhalten und seine Biomechanik, Erfolg verspricht. Eine solch kenntnisreiche Ausbildung zeigt sich darin, daß sie das Pferd aufbaut, nicht aufbraucht; und das Ziel dieser Ausbildung muß die optimale Realisierung des individuellen Potentials eines jeden Pferdes zwecks Erreichung harmonischer Schönheit sein, nicht einen Vergleich mit anderen - denn ein Pferd kann sich nur gesund und optimal in Bezug auf seine individuellen Vorraussetzungen bewegen. Diese Annäherung an das Pferd, ist mit den Namen von allgemein als "Klassisch" anerkannten Reitmeistern wie Xenophon, Pluvinel, de la Guérinière, Steinbrecht und Podhajsky verknüpft.[5]
Klassische Reitkunst - Zeitloses Vorbild: Die legendäre H. Dv. 12. Abb. 49. H. Dv. 12 Reitvorschrift vom 29. Juni 1912 Ausgabe 1926. Berlin: E. S. Mittler & Sohn, 1926. 177. Privatarchiv. Foto: 2010 NESSA Equestrian Design
Die "Klassische Reitkunst" ist also auf der einen Seite verschieden von der turnierorientierten Sportreiterei, welche als ihr Ziel das ´Gewinnen` gegen andere hat, und für ein ´Weiter-Schneller-Höher` im Springen und der Military, bzw. eine Annäherung an eine reglementsdefinierte ´Idealausführung` gewisser Lektionen in der Dressur, mit so spektakulären Bewegungen wie möglich, arbeitet. Der springende Punkt für den "Klassischen" Reiter ist nicht das "Was", sondern das "Wie" - nicht wie bald, und wie lange und wie spektakulär das Pferd z. B. piaffiert, sondern wie taktfest, losgelassen, gerade, versammelt, optimal in Bezug auf seine individuellen Voraussetzungen, und wie freiwillig es dieses tut.
Auf der anderen Seite grenzt sich "Klassische" Reiterei von all jenem ebenfalls nicht wettbewerbsorientierten Reiten ab, welches eines oder mehrere der oben angeführten Kriterien nicht erfüllt. Nicht jeder, der sein Pferd liebt und von Harmonie träumt, reitet schon "Klassisch", oder strebt dies an; und manchem, der von "Klassik" schwärmt, mangelt das technische ´Handwerkszeug`, sein Pferd genügend zu gymnastizieren und fein genug zu führen[6].
Klassische Reitkunst - mehr als nur schöne Worte. © 2010 NESSA Equestrian Design
"Klassische Reitkunst" ist also definiert durch eine verantwortungsbewußte und vernunftbasierte Haltung dem Pferd gegenüber, durch eine gymnastizierende und ästhetische Zielsetzung, durch die eingehende Kenntnis von der Natur des Pferdes, und das zur „Stelle-sein“ der handwerklich-technischen Fähigkeiten, welche zur Verwirklichung dieser Zielsetzung nötig sind; sowie durch gewissermaßen ´künstlerische` Begeisterung und Verständnis für Schönheit und Ausdruck eines Pferdes und seiner Bewegungen.[7]
Diese Klassische Reitkunst ist nicht nur "klassisch", will sagen, zeitlos und vorbildhaft gültig, und als wegweisendes Ideal weithin anerkannt - sie ist heutzutage auch (wieder) so aktuell wie nie zuvor, weit über den Kreis der Berufsreiter hinaus. Denn sie kann kann vielen heutigen Reitern genau das geben, wonach sie suchen[8] - und zwar auf jedem Niveau und ganz von Anfang an: Das humane ´Rundumpaket` - nicht nur die durch mehr als ein halbes Jahrtausend erprobte gewaltfreie Technik des Reitens, und des Arbeitens und Umgangs mit dem Pferd vom Boden aus, das ´Können`; sondern auch das ´Kennen` - das Wissen um die theoretischen Hintergründe der Reitlehre, und um die Natur des Pferdes und seine Bedürfnisse und Sprache.
Diese ´Gebrauchsanweisung für das Pferd`, das Ergebnis der Bemühungen unzähliger Generationen erfahrener Reitmeister und ihrer Pferde, steht in ihren Grundzügen schon seit bald zweihundert Jahren fest, hat niemals versagt, ist niemals übertroffen worden, funktioniert heute noch genauso verläßlich wie eh und je, und wird bestätigt durch alle Ergebnisse der neuesten Tiermedizin und Verhaltensforschung. Zusätzlich ist sie dank ihres einfachen und logischen Aufbaus für jeden ernsthaft Interessierten, der die nötige Anstrengung macht, und für jedes Pferd mit vier gesunden Beinen, umsetzbar. Für uns ist sie daher nicht nur ein Kulturschatz, sondern das gemeinsame Erbe aller seriösen Pferdeleute, die es gut mit ihren Pferden meinen und mit sich selbst, und deshalb den geraden, logischen und sanften Weg zur gemeinsamen Entwicklung einschlagen wollen.
Es ist schade, daß so viele von ihnen immer noch nicht über diese gute Absicht hinaus kommen können, da ihnen nicht nur die Kenntnis, sondern vor allem das praktische Handwerkszeug - das Fühlen-, Sehen-, und Herstellen-Können der korrekten, losgelassen Bewegungsmuster sowohl bei sich als auch beim Pferd, fehlt. Dieses kann man sich leider auch nicht aus Büchern oder Filmen selbst aneigen, sondern es bedarf einiger pädagogischer Anstrengungen von Seiten eins qualifizierten Ausbilders (und seiner befähigten Lehrpferde), es zu vermitteln. Die Möglichkeit, in den Genuß dieser Anstrengungen zu kommen, ist heutzutage leider selten geworden, trotz eines ständig erweiterten Angebots.[9] Deshalb arbeiten wir dafür, dem interessierten Reiter nicht nur Show oder schöne Ideale zu bieten, sondern das ganz konkrete "Gewußt-wie" zu vermitteln. Denn das Pferd reagiert nun einmal auf das ´Fühlen` und ´Tun` seines Reiters, nicht auf dessen gute Ideen...
Wir arbeiten dafür, Sie (wieder-)entdecken zu lassen, daß es im Grunde immer noch nicht mehr braucht für eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd, als eben ein Pferd, einen Reiter, und die vernunftgemäße Klassische Reitlehre, plus eine große Dosis Liebe, Geduld und kontinuierliche Arbeit. Hört sich vielleicht nicht spektakulär an, neu ist es auch nicht, und wir haben es auch nicht erfunden (das haben größere, klügere Menschen schon vor langer Zeit getan, weswegen es sich auch um eine Tradition handelt und nicht um ein Warenzeichen). Aber es funktioniert konkurrenzlos gut und lohnt sich ganz unglaublich...
"[...] weil diese Kunst nicht allein die Schönste und Edelste, sondern auch die Notwendigste ist unter allen [...], als eine rechte Übung des Leibes und Gemüts [...]" (Antoine de Pluvinel, 1623[10]).
[1] Vide, z. B., Christine Felsinger, "Heraus mit der Sprache", Cavallo: Das Magazin für aktives Reiten 10 (Oktober 2007), 144-151.
[2] Vide, z. B., "Die aktuelle Analyse: ´Horsemanship`- Leitgedanke einer neuen Reitergeneration", Pferdemarkt: Fachblatt für alle Pferdefreunde, 21, 6 (November/ Dezember 1997), 212, oder Christiane Gohl, "Entspannt reiten: Harmonie zwischen Pferd und Reiter", Pegasus Das Pferdemagazin 10 (1999), [27]-50.
[3] Hannes Scholten, "Editorial: Die aufregende Spiele von Athen" Cavallo: Das Magazin für aktives Reiten 10 (Oktober 2004), 3.
[4] Wolfgang Ernst von Berga, Ganz neue durch lange Erfahrung mit vielem Nutzen approbirte Reit=Kunst, Ans Licht gestellet von Wolfgang Ernst von Berga, Ober=Stallmeister bey dem Hoch=Fürstlichen Collegio Illustri in Tübingen (Tübingen, Bey Johann Georg Cotta, 1759), 6. (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek zu Göttingen, 8 OEC I, 3044.) Orthographie etwas modernisiert.
[5] Vide Alois Podhajsky, Die klassische Reitkunst: Eine Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung, illustr. Anton Haug ([München:] Nymphenburger Verlagshandlung, [1965]).
[6] Vide Brenda Zuckschwerdt, "Schulterherein, Piaffe & Co. in zwei Tagen," Pegasus Das Pferdemagazin 3 (März 2006), [3].
[7] Cf. Alfons J. Dietz, "Reitkunst kontra Reitsport - Ergänzung oder Widerspruch?" Pegasus Das Pferdemagazin 12 (1998), 93.
[8] Vide bereits Helga Müller-Möhlis, "Das Pferd - der Partner: Enorme Resonanz auf Prof. Blümckes Arbeit an der Hand," Reiten und Zucht in Berlin - Brandenburg 6 (Juni 1992), 23.
[9] Vide Anne-Christine Busen, "Bildungslücken" Reiten & Fahren St. Georg: Deutschlands unabhängiges Magazin für Pferdesport und Zucht, 7 (Juli 1998), 40-42.
[1] Antoine de Pluvinel, L´Instruction dv Roy en l´Exercice de Monter a Cheval […]/ Reitkunst Weyland H. Antonii de Pluvinel [...]([1623]; Frankfurt am Main: Matthaeus Merian, 1628), [1]. (British Library, London, 1474.dd.26.) Orthographie des Zitats modernisiert.


